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Samstag, 24. August 2019

Wer einmal lügt, …

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… dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht – so warnte mich, einen sechsjährigen Pimpf, meine Großmutter davor, meine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen.

In meiner Kunst beschäftige ich mich viel mit „Wahrheit“ und führe dem Betrachter vor Augen, dass es viele Wahrheiten gibt: nicht zuletzt die seine als auch die meine.

Dieses „ungeheuer feinsinnige Spiel von Täuschung und Ent-Täuschung“ (Klaus Honnef) funktioniert aber nur, solange es noch eine anerkannte fotografische Wahrheit gibt, solange Wahrheit im Allgemeinen als hohes, schützenswertes Gut gilt. Beides ist in Gefahr.

Welch Irrglaube!

Lange Zeit haben wir geglaubt, dass die Wahrheit Grundwert aller zivilisierten Gesellschaften sei. Welch Irrglaube! Ich spreche hier nicht von den kleinen Unwahrheiten des Alltags, den Notlügen, dem Aus- und Schönreden etc. Ich meine den Grundkonsens, dass die Lüge verwerflich ist.

Ebenfalls lange, sehr lange, haben etwa unsere Politiker gebraucht, bis sie realisierten, dass Putin ihnen, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Gesicht lügt, dass Russland die Lüge als Propaganda instrumentalisiert und sich dabei die Leichtgläubigkeit des Netzes zu nutze macht. (Die weit verbreitete Naivität, zu glauben, dass etwas, weil es im Internet steht, wahr sein muss, ist Resultat dessen, dass wir über Jahrhunderte gelernt haben, dass das gedruckte/veröffentlichte Wort vom Grundsatz her glaubhaft ist.) In der russischen Mentalität gilt jedoch die Lüge nicht als Schwäche oder gar Gesichtsverlust; sie gilt – ganz im Gegenteil – als Stärke.

In der Welt der Bilder, der journalistischen Bilder als auch der Kunst, vollzieht sich derzeit ebenfalls ein Wandel. Ein Wandel, der die Glaubhaftigkeit des Bildes (nicht nur des fotografischen) in Frage stellt und damit einen Glaubensgrundsatz erschüttert und zerstört.

Diese Entwicklung, und das ist prekär, vollzieht sich nicht schlagartig, sie ist schleichend und das macht es so schwer, die Veränderung vom Kopf (man weiß ob der Manipulierbarkeit von Bildern) in den Bauch (doch vertraut man ihnen noch immer) zu bekommen. Geprägt wird dies nicht von den reinen Fakten der Skandale; es sind die kleinen Körnchen des Zweifels, von Skandalen und Skandälchen gesät, die so zerstörerisch wirken.

Die verlorene Leichtigkeit des Betrachter Seins

Zeigen Sie mir einen Museumsdirektor, der ohne einen Restzweifel durch seine Gemäldesammlung gehen kann, ob nicht doch ein Beltracchi zwischen all den Originalen hängt (wobei es Kunstfälschungen natürlich zu jeder Zeit gab). Diese leisen Zweifel – und seien sie auch kaum hörbar – nehmen das gute Gefühl, das blinde Vertrauen und somit die Leichtigkeit des Betrachter Seins.

In der Fotografie, einem Medium welches seit seiner Erfindung als glaubhaft galt (dies trotz seiner Möglichkeiten zur Inszenierung und Bildmanipulation), werden gerade die letzten Bastionen der Wahrheit eingerissen. Ein World Press Photo Award, der zurückgezogen werden muss, weil sich das Bild als inszeniert und als an anderem Ort als angegeben aufgenommen erweist, ist keine kleine Gaunerei, es ist der Gau.

Denn: Wir bilden uns unser Urteil über die Welt zum Gutteil aus den Bildern, die Bildjournalisten Tag für Tag – teils unter Einsatz ihres Lebens – einfangen. Wenn diese letzte Bastion nun fällt, wie soll unser Bild der Welt ein halbwegs authentisches bleiben? Worauf bauen wir unsere Meinungen, gründen unsere Entscheidungen?

Der „Wahrheit“ den Mittelfinger gezeigt

Mit seinem #Varoufakefake hat Jan Böhmermann gerade die Grenze der Zerstörung der Glaubwürdigkeit ein weiteres, großes Stück verschoben: vom Still zum Bewegtbild. Wenn aus dem Mittelfinger die ausgestreckte Hand und dann der Zeigefinger wird (der Zeigefinger, als der diese Satire gemeint war), und die ganze Nation 15 Stunden lang rätselt, welches Video nun manipuliert ist, so zeigt das nicht nur die Vulnerabilität von Bildmaterial, sondern es zerstört zugleich den Glauben an das Bewegtbild, das bislang (zumindest im Bauch) als unangetastet galt. Die Heftigkeit der Diskussion zeigte, wie groß die Grenzüberschreitung war.

Und in der Fotokunst? Da sind es die Gurskys dieser Welt, die mit ihrer Arbeit negative Effekte für das gesamte Genre verursachen: mit der übersteigerten Perfektion, die sie mittels Bildmanipulationen erzielen, legen sie die Messlatte für reine, unbearbeitete Fotografien in Schwindel erregende Höhe*, weil die Bilder nicht als „Photoshop-Kunst“ sondern – wie ich meine unzutreffender- und irreführenderweise – als Fotografie deklariert werden. Für den Betrachter gibt es dabei fatalerweise kaum ein Erkennungsmerkmal dafür, dass es sich um am Rechner produzierte Ware handelt.

All dies ist schwer zu greifen, denn die Grenzen sind unscharf. Eine Fotografie ist stets subjektiv. Das beginnt mit der Wahl des Sujets durch den Fotografen, geht über die Bildgestaltung (Aufnahmestandpunkt, Brennweite, Bildausschnitt etc.) sowie den Grad der Inszenierung bis hin zu gänzlich am Rechner erschaffenen Bildwelten.

Die absolute Wahrheit – und damit ein „richtig“ oder „falsch“ – gibt es folglich nicht. Dennoch hat sich seit Beginn der Fotografie eine Art Konvention herausgebildet für das, was wir – nahezu unerschütterlich – als „wahr“ empfinden und was nicht. Klassische, dem Analogen verwandte fotografische Stilmittel gelten dabei als „wahr“; Mittel der (elektronischen) Bildbearbeitung, insbesondere das Hinzufügen und Weglassen sowie das Verändern ganzer Bildpartien werden als „unwahr“ empfunden.

Phonygraphie statt Photographie?

Der Fotokunst könnte man einen Dienst erweisen, würde man für mit mehr als mit analogen Stilmitteln bearbeitete Bilder einen eigenen, nicht diskriminierenden Begriff einführen, etwa „Edigraphie“, „Phonygraphie“ oder „Adobographie“. (Das gut passende „Digigraphie“ ist leider bereits von einem Druckerhersteller besetzt). Darüber hinaus ist seit #Varoufake auch das Wort „doctored“ präsent, das nicht nur im eigentlichen Wortsinne „frisiert“ passend ist, sondern häufig auch im Sinne von „daran herumgedoktert“.

Was meinen Sie? Könnte – und sollte – sich die Fotografie mit einer solchen Unterscheidung ihren Wahrheitscharakter aufrecht erhalten? Und welche Begriffe fallen Ihnen dazu ein? Ich bin gespannt auf Ihr Feedback!

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* Die immer weiter steigende Höhe der Messlatte war sicherlich auch Hauptgrund dafür, dass Bilder für den World Press Photo Award gefälscht wurden, weil der Fotograf glaubte, mit „echten“ Bildern kein Gehör mehr in dem Chor geschönter Aufnahmen zu finden. Diese Diskussion begleitet den Award schon länger, siehe „Schwer zu sagen, wo Betrug anfängt“.

© Till | facebook.com/till.eitel


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2 Kommentare auf "Wer einmal lügt, …"

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Ulrike
Gast

Ein Gutes hat das doch: wenn man nicht weiß ob der Name der an einem Bild steht stimmt, kann man die Kunst danach beurteilen wie sie gefällt und nicht wie wichtig der Maler ist.

RuLa
Gast

Gut formuliert! Das mit den Bildmanipulationen, die notwendig sind, um einen World Press Photo Award zu gewinnen, erinnert mich doch stark an das Thema „Doping“ im Sport.