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Samstag, 24. August 2019

‚Tschuldigung, dürfte ich Sie vielleicht …?

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Schon immer gehört es zum Reisen, das Urlaubsfoto: Die stolzen Reisenden vor der Sehenswürdigkeit, die glücklichen Urlauber im landestypischen Restaurant etc. p.p. Es dient dem Beweis und der Erinnerung zugleich.

Um alle Mitreisenden im Bild zu verewigen, war der Ablauf stets der gleiche. Man stellte sich vor der Sehenswürdigkeit in Positur und einer sprach irgendjemanden an: „Entschuldigung, dürfte ich Sie vielleicht bitten, ein Foto von uns zu machen?“. Dies funktionierte in allen Sprachen und zur Not auch mittels Blicken und Gesten.

Im Zeitalter der permanenten Selbstdarstellung und der Seht-her-wie-toll-ich-bin-Medien sind derartige Bilder keine Option, sondern ein Muss. Mit dem Smartphone als allzeit bereite Kamera sind sie leicht ohne Hilfe Dritter erstellbar. Kein Ort, kein Moment, der zu öde wäre, um nicht ein Selfie davon zu schießen.

Keine Arme, keine Selfies

Was aber, wenn das Nebenmotiv – sagen wir der Eiffelturm – so groß ist, dass Armeslänge nicht ausreicht, um sich zusammen mit ihm abzubilden? In diesem Fall könnte man natürlich auf einen der Umstehenden zugehen und fragen: „Entschuldigung, dürfte ich Sie vielleicht bitten …“. Dies empfindet eine Generation, für die virtuelle Kontakte die wahren Kontakte sind, offensichtlich als unschicklich. (Zudem das Bild dann kein echtes Selfie wäre.)

Zum Glück lässt uns die Gadget-Industrie an dieser Stelle nicht im Stich und hat die Selfiestange erfunden! Eine Mischung aus Einbeinstativ und Angelrute mit einem Bluetooth-Auslöseknopf statt Selbstauslöser, um sich perfekt in Szene zu setzen und seinen Freunden und Followern den ultimativen Beweis eigenen Glücks präsentieren zu können.

Die Selfiestange ist, so habe ich es gerade erlebt, inzwischen unverzichtbares Reiseaccessoire der ohnehin fotografierwütigen Asiaten. Ihr Handy allzeit parat auf der Stange montiert, entfernen sich diese kurz ein paar Schritte von ihrer Reisegruppe, fahren die Selfiestange aus, verwandeln ihren ansonsten stoischen Gesichtsausdruck in ein glückliches Grinsen, machen ein Bild und kehren dann zurück in die Formation.

Derart ausgerüstet, besteht keine Gefahr, Kontakt zu den Mitreisenden oder gar den Bereisten aufnehmen zu müssen; nichts stört Einsamkeit und Narzissmus.

Selfishow

Vielleicht sollte ich diese tugendhafte Selbstgenügsamkeit aufgreifen und weiterentwickeln: zu meiner nächsten Ausstellung lade ich nur mich ein! Dann fotografiere ich mich dank Selfiestange glücklich lächelnd mit Sekt und Schnittchen vor meinen Arbeiten und poste anschließend die Vernissagefotos auf Facebook („Leute, es war ja so toll, ihr habt voll was verpasst!!“). Schließlich verfasse ich noch eine fulminante Selbst-Kritik und kaufe mir daraufhin, vom Überschwang des Kritiker-Lobs überwältigt, direkt zwei Bilder ab.

Noch aber gibt es bei mir nichts von der Stange; entschuldigen Sie! Dürfte ich Sie daher vielleicht bitten, sich selbst ein Bild zu machen?

© Till | facebook.com/till.eitel


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