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Samstag, 15. Dezember 2018

Liebst du noch oder sammelst du schon?

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Besitzen Sie ein Bild? Und vielleicht noch ein zweites oder gar drittes?
Wohlan, dann sind Sie fortan „Sammler“ bzw. „Sammlerin“. Herzlichen Glückwunsch und herzlich willkommen im erlauchten Kreis!

Wie vor einiger Zeit die Bezeichnung „Kurator“ einer Anwendungsinflation unterlag – alles und jedes wurde „kuratiert“ -, so ist das aktuelle Modewort der Kunstszene „Sammler“. Es ersetzt die Begriffe „Kunstfreund“, „Kunstliebhaber“, „Interessent“ als auch das profane „Käufer“ bzw. „Kunde“ und verleiht zugleich Anbietern als auch Nachfragern die höheren Weihen des Kunstmarkts.

Wie viel erlauchter klingt es doch, wenn selbst die malende Lehrerin auf ihrer Facebook-Seite verkünden kann: „mein neuestes Werk hängt jetzt bei einem Sammler!“.

Auch die Dame, die kürzlich bei einem (nicht meinem) offenen Atelier mit den Worten „ich bin Sammlerin!“ hereinstürmte, wusste ob deren magischer Wirkung beim Erheischen besonderer Aufmerksamkeit, dem Ergattern eines zweiten Glases Gratissekt nebst dem letzten Lachsschnittchen sowie – just in case – eines ordentlichen Rabatts (den sie übrigens nicht in Anspruch nahm).

Der schönen Künste Lustballon

Doch erst wenn er professionell eingesetzt wird, entfaltet der Begriff „Sammler“ seine ganze (Kauf-)Kraft und blendende Schönheit: wie viel kauflüsterner fühlt sich der Kunde sogleich, wenn er zum exklusiven „Collectors Dinner“ geladen wird, streng limitiert für allerhöchstens dreißig glücklich Auserwählte, statt lediglich zur „Vernissage“. Glaubt man anderen, so besteht die Galerie der Zukunft aus einem Show-Wochenende, an dem stolze Sammler ihre Schätze in einem Nobelhotel zeigen. Zutritt – Sie haben es erraten! – nur für geladene Gäste; die gesamm(el)ten Künstler sind anwesend.

Indem man Menschen die Illusion gibt, sie gehörten ab sofort zum erlesen-erlauchten Kreis der „Sammler“, quasi in den most-inner-circle der Kunstszene, hofft man, dass diese, nun derart geadelt, ihren neuerworbenen Status fleißig mittels Neuerwerbungen festigen. Dies zu Preisen … Egal, als waschechter Sammler will man sich ja nicht lumpen lassen!

Spätestens mit dem leisen Hinweis, bald könne das Erstandene ja sprunghaft im Wert steigen, wird der Kunde – pardon, Sammler! – über die Kauf-Klippe gestürzt.
Ob es für Werke dieser Preisklasse (und dieses Künstlers) überhaupt einen Zweitmarkt gibt, unabdingbare Voraussetzung für jegliche Wertsteigerung, fragt keiner der so hofierten. Warum auch? Man würde sich den schönen Lustballon ja selbst zerstören!

Bling-Bling statt Bauchgefühl

Nein, heutzutage darf man nicht einfach mehr nur Freude an Kunst haben, sich in ein Bild verlieben und sich mit einem ersten, spontanen Kauf an die Kunstwelt herantasten. Man muss vielmehr direkt in die Vollen der Spaßgesellschaft gehen, dazugehören und kaufen, was bunt und in ist. Bling-Bling statt Bauchgefühl – und alle müssen es sehen!

Schon Goethe wusste: „Sammler sind glückliche Menschen“. In unserem Fall sind alle glücklich: der Käufer ist glücklich und frei von Nachkaufdissonanzen, weil es ihm nicht um die Sache, sondern um Zugehörigkeit geht. Der Künstler ist glücklich, bewegt er sich doch jetzt im „Sammlermarkt“.

Die einzig echten Sammler bei diesem Spiel sind übrigens die, die solche Events veranstalten: mit Vergnügen sammeln sie das Geld der Spaßgesellschaft ein.

© Till


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