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Samstag, 24. August 2019

Hoppe hoppe Richter, wenn er fällt, dann bricht er!

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Morgen öffnet die große Polke-Retrospektive im Museum Ludwig; ab Sonntag zeigt auch die Kölner Galerie Holtmann seine Werke. Zuvor war die Ausstellung, von MoMA und Tate Modern organisiert, in New York und London. Damit einhergehend werden, ähnlich wie letztes Jahr nach der Wiederentdeckung der Gruppe Zero, Nachfrage und Preise noch schneller steigen, als sie es im überhitzten Kunstmarkt ohnehin tun.

Wohin nur mit meinem Polke

Nehmen wir mal an, Sie hätten einen Polke. Gar noch einen aus dieser phantastischen, Ende der Achtziger entstandenen Reihe der „Lackbilder“. Ein Bild, bei dem – von seinem ideellen und materiellen Wert ganz zu schweigen – alleine die laufende Wertsteigerung ein ordentliches Monatsgehalt ergäbe. Was würden Sie damit tun?

Eigens ein Museum dafür bauen, so wie Frieder Burda u.a. für sein „Triptychon“?
Es großzügigerweise als Leihgabe auf Reisen schicken, etwa nach New York, London, Köln? (Selbstverständlich unter konservatorisch-restauratorisch allerbesten Bedingungen, zarter behandelt, als ein rohes Ei.)
Es in Ihrem Tresor lagern? (Was zugegebenermaßen bei einer Kantenlänge von drei Metern nicht so ganz einfach wäre.)
Oder hüteten Sie Ihren Polke seit dem Kauf in artgerechter Lagerhaltung bei Hasenkamp im Depot? (Und sobald Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen, schauten Sie es mal wieder an.)
Oder hätten Sie gar, weil Ihr Richter, Ihr Polke, Ihr Picasso, Ihr … für Sie lediglich Briefmarken, pardon Wertanlagen, sind, das Bild noch nie im Original gesehen und würden es vor dem Weiterverkauf auch niemals sehen?

Dies ist eine, nicht erst mit der aberwitzigen Wertsteigerung am Kunstmarkt einhergehende, für Sammler nicht zu unterschätzende Fragestellung. Sammeln macht nicht nur Freude, sondern schafft auch die eine oder andere Sorge.

Wider das vernagelt Sein

Wie wunderbar, dass es noch Menschen gibt, die mit solchen Werken sorglos – im Sinne von normal – umgehen. Die einen Tim Eitel nicht wesentlich anders behandeln als einen Till Eitel.
Weil man, aus o.g. Gründen, diese Art der Gleichbehandlung nicht erwartet, staunte ich neulich nicht schlecht, als ich in das Haus eines Sammlers kam, in dessen Küche ein Polke hing. Eines der Lackbilder. Schöner als die von Burda.
Nur wenige Zentimeter vor dem Bild stand ein schwerer Esstisch, der die untersten 40 cm des Bildes verdeckte. Eine Nähe, die mir das gleiche flaue Bauchgefühl verursachte als ob ich, Höhenangst geplagt, an einem Abgrund stünde. (Ich will erst gar nicht von möglichem Schaden durch Schwaden schwadronieren …)

Für die Frage nach dem „Wieso“ gab es eine einfache Erklärung: „Ach, den haben wir gerade umgehängt. Der ist nur mit ein paar Nägeln befestigt. Das ist nicht ganz optimal. Und damit er, falls er runterfällt, nicht umkippt, haben wir kurzerhand den Tisch davor gestellt. Das bleibt natürlich nicht auf Dauer so.“

Ich, der ich bereits einen Herzinfarkt bekomme, wenn jemand meine Bilder ohne Handschuhe berührt, fand das ungemein sympathisch. Große Kunst als Alltagsgegenstand! Als selbstverständlicher Lebensbestandteil, mit dem man sich umgibt, weil er bereichert und Freude bringt und nicht, weil er Statussymbol oder Wertanlage ist. Polke, den Regelbrecher, von dessen Werk der „kapitalistische Realismus“ auf eine Weise Besitz ergriffen hat, die er sich zu Beginn seiner Karriere nie hätte träumen lassen, hätte das wohl auch gefreut.

© Till | facebook.com/till.eitel


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