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Samstag, 24. August 2019

Falls Sie das Bild nicht mögen: hier ist noch Marzipan!

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Ein ohne jegliches handwerkliche Können abgemaltes Foto wird, indem es der Queen geschenkt wird, geadelt und in den hohen Stand der Kunst erhoben. Eine künstlerische Fotografie – und sei sie noch so gut – hätte dies nie geschafft.

Warum ist das so, warum hat Fotografie es immer noch schwer, als Kunstform anerkannt zu werden? Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen:

Ein wenig ist die Fotografie selbst schuld daran. Sie war das erste Medium, das eine Situation 1:1 abbilden konnte, einen Moment erhalten und sogar nicht Sichtbares sichtbar machen. Mit diesem Pfund wucherte sie ein Jahrhundert lang und nahm dazu noch in Anspruch, die (einzige) „Wahrheit“ zu zeigen. So etablierte sie sich primär als abbildendes Medium und setzte sich ganz bewusst in Kontrast zur Imagination der Malerei, Grafik und Bildhauerei. Und dies, obwohl bereits von ihrem Anbeginn an Künstler fotografische Techniken nutzten, um gänzlich freie, oft surrealistische oder gar abstrakte Werke zu schaffen.

Das Leid des Multitalents

Zugleich leidet die Fotografie an ihren Fähigkeiten, wie der Hochbegabte an seinen Talenten: sie kann vieles; daher bleibt was sie ist – Kommunikationsmittel, Dokumentationsmittel, Analysetool, Kreativwerkzeug etc. – für den Betrachter unscharf. Ihr Spektrum reicht vom reinen Handwerk bis zum freien künstlerischen Ausdrucksmittel. Diese Zwitterrolle ist es, die lange Zeit die Anerkennung der Fotografie als Kunstform verhindert hat und heute noch manchen Zweifel daran nährt. Weil sich die künstlerische Fotografie in ihrem Selbstverständnis nicht klar von der angewandten Fotografie abgrenzt, werden teils auch handwerkliche Bereiche wie Dokumentar-, Reportage-, Industrie- und Werbefotografie als Bereiche künstlerischer Fotografie genannt. 2)

Diese mangelnde Grenzziehung ist nicht nur historischer Natur (schon früh nutzten Maler wie Eugène Delacroix das Medium Fotografie als einfaches, hochpräzises Skizzenbuch), die Grenzen wurden auch aktiv verwischt. Der Maler Bernd Becher etwa, der Industriebauten zeichnete, kam, so erzählte mir seine Frau Hilla, mit dem Zeichnen nicht mehr nach; zu schnell wurden die Bauten seinerzeit abgerissen. So machten die beiden aus ihrer Not eine Tugend: sie begannen, die Produktionsanlagen zu fotografieren, damit er sie später zeichnen konnte. Es gelang ihnen, mit dieser seriellen, dokumentarischen Arbeit als Kunst anerkannt zu werden und daraus die „Becher Schule“ zu entwickeln, deren Schüler heute zu den am höchsten gehandelten Fotografen zählen. Letztendlich bleiben ihre Werke dennoch nur das, was sie sind: herausragende Zeitdokumente.

Trau dich, Fotografie!

Obwohl inzwischen Fotografie als Kunstform allgemein anerkannt ist – u.a. abzulesen an der steigenden Zahl an Ausstellungen sowie steigenden Preisen – traut sich die Fotografie noch immer nicht, wirklich Kunst zu sein. Sie überlässt die Einordnung einer Fotografie nicht dem Betrachter (der sicherlich das Foto der künftigen Queen auf ihrem Pony als Zeitdokument und nicht als Kunst bewerten würde), sondern sie versucht, Rahmenbedingungen für ihr Kunst-Sein zu definieren, um so die Kunsthaftigkeit sicherzustellen.

Es gilt das Gesetz der Serie: Da wird der emigrierte sibirische Fotograf, der sein entbehrungsreiches Leben in der Heimat minutiös aber belanglos in unzähligen Bildern dokumentiert hat, von Galerie zu Galerie gereicht, ihm der Kunst!!-Stempel aufgedrückt. Aber werden überwiegend inhaltsleere, talentfreie (à la Leidenfrost) Fotos tatsächlich zur Kunst, nur weil sie in Serie gezeigt werden? Wird Mist durch Häufung gut? Führende Galerien scheinen das so zu sehen; Wikipedia verleiht dem Nachdruck: „Solche künstlerischen Fotos sind zumeist Teile aus sogenannten Serien. Die Betrachtung der gesamten Serie, anstatt eines einzelnen Werkes, kann das Erfassen der beabsichtigten Aussage erleichtern“.

Weil jedoch kaum einer ein Einzelbild aus einer solchen Serie kauft (und erst recht nicht die gesamte Serie), hat der Markt das Fotobuch erfunden. Entsprechende Fotobuch-Festivals schießen wie Pilze aus dem Boden und in Köln wurde 2014 sogar versucht, ein Fotobuch-Museum zu etablieren.

Eine Selbstbeschneidung gleich in zweifacher Form: obwohl die Digitalisierung gerade erst die Fotografie ihrer Format-Beschränkung befreit hat, reduziert man sich hier freiwillig auf circa DIN A4. Indem man Bildern nur zugesteht, als Serie und in Buchform existieren zu können, enthebt man sie der Möglichkeit, dort zu sein, wo Kunst hingehört: an der Wand.

Wow! Geil!! Super!!!

Last but not least erschwert die durch die Digitalisierung geschaffene Allgegenwärtigkeit der Fotografie deren künstlerisches Überleben. Wie soll man in der Bilderflut das Besondere finden? Wie ein Foto wertschätzen, wenn sich die Lebensdauer eines Bildes von Jahrzehnten auf Tage oder – dafür gibt es sogar eine App – Sekunden verkürzt hat? Während zugleich die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums stetig sinkt?

Wie soll der Betrachter noch gut von schlecht unterscheiden, wenn ein schlichtweg misslungenes Foto durch zahlreiche Filter gejagt, gefärbt, gealtert, verzerrt wird, um dann in den sozialen Medien mit „Wow!“ und „Super Kunst!!“ überschüttet zu werden? Den Filter des Kosten- und Zeitaufwands für seine Vergrößerung sowie Kritikfähigkeit und Ehrlichkeit des Betrachters gibt es längst nicht mehr.

Das Bild, das der Bundespräsident der englischen Königin schenkte, ist eigentlich nichts anderes als ein solcherart durch den App-Wolf gedrehtes, grottiges Bild, das zur Kunst hochstilisiert wird. Bloß dass wir es bei Malerei – im Gegensatz zur Fotografie – noch merken.
Aber für diesen Fall haben wir zum Glück ja noch Marzipan …

© Till | facebook.com/till.eitel


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4 Kommentare auf "Falls Sie das Bild nicht mögen: hier ist noch Marzipan!"

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Markus Spring
Gast

Die Fotografie hat es in der Tat nicht leicht, ein Publikum zu finden.

Ob der der durchaus lesenswerten Betrachtung aber wirklich gedient ist, wenn sie das Potential einiger Fotos durch Herabwürdigung eines einzelnen gemalten Bildes zu erhöhen versucht, möchte ich durchaus in Frage stellen.

In der momentanen erhitzten Diskussion wird man dem Bild von Frau Leidenfrost jedenfalls kaum gerecht werden (können), schon gar nicht mit Kurz-Statements. Dann sind wir nämlich ganz schnell bei den Negativ-Pendants von Wow/geil, nämlich … und … und …

Till
Webmaster
Obwohl ich das Leidenfrost-Bild nicht gut finde, war es nicht Intention des Artikels, es herabzuwürdigen. Sonst wären wir schnell in der Ecke Hockney-kritisiert-Richter, Baselitz-sagt-Frauen-können-nicht-malen etc. Oft heißt es ja über Kunst „das könnte ich auch!“ (so wie Hockney über Richters Arbeiten). Die künstlerische Fotografie ist von dieser Denke stärker betroffen als die Malerei oder gar Bildhauerei, weil, salopp gesagt, jeder, der ein iPhone hat, glaubt, fotografieren zu können. (Ein Indiz ist die sich immer weiter öffnende Preis-Schere am Markt für kommerzielle Fotografie; das Top-Segment behauptet sich mit guten Erträgen, das untere Segment kann kaum noch tragbare Honorare erzielen). Hingegen hat,… [mehr] »
Markus Spring
Gast
Ja, bei dem Wort „Fotokunst“ oder noch schlimmer „Fotokünstler“ schüttelt es mich auch – aber ich finde auch „Kunstmaler“ zu aufgeblasen. Ob ein Werk Kunst ist (und damit der Urheber Künstler) entscheidet eine kritische und meist auch zeitlich distanzierte Würdigung, selten zutreffend der Urheber selbst. Was der Kunstmarkt proklamiert, hat mit Kunst nur randlich zu tun, die Marktgesetze haben da viel größeren Einfluss. Ja, die Fotografie leidet unter der Mechanik der Bildschöpfung und unter der Gewöhnung der Gesellschaft an das sorgenfreie „Klicken“, das eben auch zur mangelnden Sorgfalt verleitet. Die in Sekundenbruchteilen zu messende Aufmerksamkeitsspanne, die den einzelnen Bildern zu… [mehr] »