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Samstag, 24. August 2019

Das Schweif­haar des si­bi­ri­schen Ko­lin­sky-Rot­mar­ders

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Haben Sie schon mal einen Maler gefragt, mit welchem Pinsel er das Bild, vor dem Sie gerade stehen, gemalt hat? Und waren Sie sich erst als er „Selbstverständlich mit einem Pinsel aus dem Schweifhaar des sibirischen Kolinsky-Rotmarders!“ antwortete, sicher, vor einem echten Kunstwerk zu stehen? Hätte ein „mit einem Pinsel aus synthetischem Ponyhaar“ Ihrer Bewunderung für das Bild Abbruch getan?

Analog oder digital

Kürzlich fragte eine habilitierte Kunsthistorikerin eine international renommierte Fotokünstlerin, ob ihre Werke denn „analog oder digital“ aufgenommen seien. Deren Antwort „analog!“ stellte sie sichtlich zufrieden.

Warum werden Fotografen nicht nur ständig nach ihrem Werkzeug gefragt, sondern sogar daran gemessen? Für viele steht „digital“ offenbar für technische Manipulation, geringen handwerklichen Wert, ja gar Austauschbarkeit und Beliebigkeit des Ergebnisses. Ist dem so? Ich versichere Ihnen, auch zu Zeiten der Analogfotografie gab es gute und schlechte Bilder, gute und schlechte Fotografen. Und die Manipulation von Bildern ist fast so alt, wie die Fotografie selbst. Es gab und gibt sie zu allen Zeiten, zu allen Zwecken. Dennoch glauben viele eisern, die Analogfotografie sei Garant für Wahrheit (was immer dies sei) und Qualität. Letzteres wohl aus der Erinnerung, dass man seinerzeit ein bischen mehr tun musste, als lediglich auf einen Knopf zu drücken oder aufs Display zu tippen.

Analog fotografieren mit der Digitalkamera

Auch mir wird diese Frage immer wieder gestellt. Meine – etwas kryptische – Antwort lautet: „ich fotografiere mit einer Digitalkamera aber ich arbeite analog“. Soll heißen, ich gestalte. Mit allen fotografischen Mitteln: Wahl des Aufnahmezeitpunkts (dieser bestimmt das Licht), des Standpunkts (zwei Füße können mehr als ein Zoom), Belichtungszeit und Blende, Bildausschnitt etc. pp. Ganz wesentlich: ich halte nicht einfach drauf. Sondern ich fotografiere sehr bewusst – wie zu den Zeiten, als nach 36 Bildern der Film zu Ende war.¹
Ob das Aufnahmemedium der Kamera letztendlich Film oder ein Chip ist, ist für das Ergebnis unwesentlich. Die Digitaltechnik bietet lediglich Vorteile aufgrund ihrer höheren Lichtempfindlichkeit, feineren Auflösung und geringeren Materialkosten.

Aufhören, wenn’s am schönsten ist

In der digitalen Dunkelkammer mache ich maximal das, was ich in der analogen Dunkelkammer getan hätte: Ausschnitt, Kontrast und Belichtung anpassen – in minimalem Maß. Der Verzicht auf die Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung halte ich für einen entscheidenden Qualitätsfaktor. Er schult mein Sehen (das A und O) und zwingt mich, bereits bei der Aufnahme ein perfektes Ergebnis anzustreben.

Ich kenne kaum einen Fotografen der, wenn er seine Bilder nachbearbeitet, dann aufhört, wenn’s am schönsten ist. Meist ist es ein paar Prozent drüber – die Farben zu intensiv, das Licht zu leuchtend, die Haut zu glatt. Filter verführen; nicht nur die Instagram-Gemeinde, auch viele Profis.
Vielfach soll aus einem unzulänglichen Bild ein „perfektes“ (was immer dies sei) gemacht werden: hier noch die Telegrafenleitung weg, dort den Himmel etwas blauer … Nachbearbeitung gleicht einer Droge; sie verführt dazu, die Dosis stetig zu steigern.

Andreas Gursky hat mir einmal erzählt, dass er bei einem Bild aus seiner „Bangkok“-Serie nahezu ein Jahr an der Nachbearbeitung saß. Er versuchte, Müll, der im Chao Phraya schwamm, optimal zu platzieren. Eine Sisyphusarbeit! Sein Fazit: „Ich glaube, ich werde mal eine Zeitlang wieder gar nichts bearbeiten.“

Bauch – Pinsel

Wer eine Bandbreite an Materialien und Techniken der Bildausgabe einsetzen möchte, kommt garnicht umhin, das analoge Bild spätestens zur Ausgabe in ein digitales zu wandeln, indem er das Negativ scannt. Sonst bleibt lediglich die Belichtung auf Fotopapier und sogar die erfolgt heute zumeist mit digitalen Belichtern.

Lange Zeit habe ich an klassischen fotochemischen Abzügen festgehalten. Die Tintenstrahl-Technik hatte mir zu wenig Zeichnung in den Schattenpartien. Inzwischen ist es umgekehrt: die unglaublich feine Differenzierung der Schwarztöne in Fineart-Prints gibt meinen Bildern eine Tiefe, die ich mit Fotopapier nicht erzielen könnte. Hinzu kommt, dass die Baumwollpapiere, die ich einsetze, eine extrem matte Oberfläche haben, die den malerischen Charakter meiner Arbeiten unterstreicht.²

Zurück zu unserem Maler: Wenn dieser Ihnen antwortet, er arbeite mit einem Synthetikpinsel, so verdammen Sie ihn nicht. Auch mit Kunsthaar kann er handwerklich hervorragende Ergebnisse erzielen. Viel entscheidender aber als die technische Umsetzung sind die Bildidee und -gestaltung sowie die Tatsache, ob – und wie – sein Bild Sie berührt. Dies allerdings erschließt sich nicht aus der Frage nach dem verwendeten Pinsel, dies sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl!

 


 

¹ Probieren Sie das mal! Es bringt Ihnen mit Sicherheit sofort bessere Bilder.
² Im Rahmen meiner Atelierführungen zeige ich den Vergleich anhand von Materialproben.

© Till | facebook.com/till.eitel


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3 Kommentare auf "Das Schweif­haar des si­bi­ri­schen Ko­lin­sky-Rot­mar­ders"

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feucht
Gast

Die Frage nach digital/analog ist eine leidige. Sie kann interessant sein in Bezug auf den Arbeitsprozess kann aber nicht als Qualitätskriterium gelten. – Das hast Du ja bereits sehr schön ausgeführt. Und wenn wir Fotografie in der Kunst reden, dann ist diese Frage eh obsolet, denn beides ist legitim und kann Sinn machen, da nicht austauschbar.

Till
Webmaster

Ich glaube, diese Frage – die ja selbst von Fachleuten immer wieder kommt – ist ein Zeichen der Verunsicherung. Man will etwas „echtes“, mit „gesicherter“ Qualität. Das ist sehr deutsch. Wir wollen am liebsten immer schriftlich, dass etwas/jemand „gut“ ist. Ein Schuhputzer ohne Diplom?! Den lass‘ ich doch nicht an meine Deichmanns!!

Tom
Gast

Schön erklärt-belehrt. Auch wenn es ein wenig nach Sendung mit der Maus klingt. Aber wahr! Danke. Analog oder digital ist egal – das Ergebnis zählt. Beim Wein trinke ich ja auch nicht die Etiketten…